Abheben im Erdgeschoss

Stephanie Aebischer, Beat Brechbühl und Ernie, der Jack Russell Terrier wohnen erst sechs Monate in der Parterre-Loftwohnung mitten in Bern, aber die Wohnung ist bereits supergemütlich und hat viel Persönlichkeit – so, als würden sie schon viel länger hier leben.

Text: Marianne Kohler Nizamuddin  Fotos: Rita Palanikumar

Die drei wohnten zuvor in einer riesengrossen «echten» Loftwohnung, nämlich einer, die sich in einem ehemaligen Industriegebäude befand – das aber auf dem Land. Die Stadt und die Lust, mittendrin zu sein, Freunde und Cafés in der Nähe zu haben, riefen das Trio wieder zurück nach Bern. Sie sahen, wahrscheinlich im Gegensatz zu den meisten anderen Interessierten, sogleich das Potenzial der interessant aufgeteilten Wohnung. Dies, obschon bei der Besichtigung noch alles im Rohbau war. Einrichten ist nämlich Stephanies Leidenschaft, die sie auch im Beruf ausleben kann. Sie arbeitet bei der Zürcher Designfirma Schönstaub und managt dort alles, was Vertrieb und Beratung angeht. Daneben realisiert sie als freischaffende Interior Designerin Einrichtungskonzepte und Homestagings für Privatkunden und Immobilienfirmen. Beat, begeisterter Radfahrer, arbeitet im Bereich Marketing und Kommunikation.

Es gibt Wohnungen, die gleich beim Eintreten dieses besondere Zuhausegefühl vermitteln, inspirieren und in denen man sich gerne aufhält. Stephanies und Beats Reich hat diese ganz besondere Magie. Dies, weil die Wohnung gekonnt, sehr persönlich und entspannt eingerichtet ist. Stephanie erklärte mir bereits am Telefon, dass sie viele Sachen hat, aber natürlich nicht mehr gleich viele wie in der riesigen Wohnung davor im Emmental. Sie verriet mir auch, dass sie gerne sammelt, sich aber von vielem getrennt hat. Die Bernerin sprüht nur so vor Energie und Begeisterung, wenn es um ihr Lieblingsthema, das Wohnen, geht. Unser erstes Telefon war denn auch wie mit einer alten Freundin, lang und lustig – obschon wir uns zuvor nie gesehen hatten. Ich wurde über Social Media auf Stephanie aufmerksam und habe sie einfach mal angeschrieben, da ich mir dachte, dass sie sicher schön und interessant wohnt. Und ich habe mich nicht getäuscht – die Wohnung ist voller Ideen und Inspirationen, die lebensnah und umsetzbar sind.

Von der Haustür gelangt man in einen langgezogenen Raum, an dessen einen Seite die Küche ist und an der anderen Fensterfronten und Ausgang in den Garten. Die Küche ist schlicht, diskret und zeigt weisse und schwarze Fronten. Auf dem kleinen Regal stehen, neben schönem Geschirr und Holzboxen, auch einige Fundstücke Parade. An der Wand hinter der Eingangstür haben die beiden ein schlichtes Regal installiert, auf dem Kochbücher, Geschirr, Vasen und Gläser einen attraktiven Stauplatz haben. Auch der Eingangsbereich zeigt Wohnideen, die man gerne nachmachen möchte: Ein grosser Orientteppich macht das Entree freundlich und sorgt dafür, dass kein Staub in die Wohnung weht. Dann sind da noch ein hübscher Blickfänger, nämlich der silberne Hocker «Plopp» von Oskar Zieta, eine Stahlrohgarderobe von Hay und ein Schrank, den Stephanie von ihrem Grossvater geerbt hat. Und natürlich Ernie, in den ich mich auf den ersten Blick verliebte! Wie ein Tor führt eine offene Wand in den Hauptraum, und da zuerst in die Wohnecke.

Zentrum im Wohnbereich ist ein altes, langes Sideboard, das mit Pflanzen, Blumen und Bildern einen kleinen Dschungel zeigt und das Auge auf sich lenkt. Die Wohnung entstand aus einer Fleischverarbeitungsfirma, war also auch, wie viele loftartigen Wohnungen, einst Gewerberaum. «Loft», das englische Wort, das «Dachgeschoss» bedeutet, wird seit der Umnutzung von Industriegebäuden oft als Stilbezeichnung eingesetzt für Wohnungen, die einen offenen Raumplan haben und die aus einst gewerblich und industriell genutzten Räumen entstanden sind. Stephanie beschrieb mir die Wohnung genau, aber als ich dann vor der Haustür mit der richtigen Nummer stand, war ich überrascht, denn das war der Eingang zu einem ganz normalen alten Stadthaus. Stephanie holte mich ab und führte mich durch Treppenhäuser und Kellergänge, bis wir wieder draussen standen. Dieses Mal vor einem modernen Betonanbau, aus dem uns dann auch gleich Ernie wedelnd entgegensprang. Die Wohnung ist ein einziger, grosser Raum, der sich vorne zu einem kleinen Stadtgarten in einem grosszügigen, von alten Häusern umringten Berner Innenhof öffnet. Hinein kommt man durch den Küchenteil, und hinten, sozusagen im kuschligen Höhlenteil, sind Schlafecke und Badezimmer.

Die Wohnecke haben die beiden mit zwei Sofas eingerahmt und mit einem klassischen Schönstaub-Teppich zu einer Insel gestaltet. Der Blick wird aber auf das tolle Sideboard gelenkt. Der Fernseher steht diskret und ein wenig versteckt hinter einer grossen Zimmerpflanze auf einem Lackboard in der Ecke. Das Weltall auf den Boden gebracht – mit dieser Idee, die später auch vielfach kopiert wurde, hat die Designfirma Schönstaub 2010 nicht nur die Teppichwelt revolutioniert, sondern Teppichen die Coolness zurückgegeben, die sie zuweilen verloren hatten. Klar, ist dieses Prachtstück auch Zentrum in Stephanies und Beats Wohnecke. Darauf thronen, wie ein Stern, drei zu einem grösseren Ganzen zusammengestellte «Prismatic Tables» von Noguchi. Als «Coasters» (Untersetzer) setzt Stephanie die kupfernen Spiegelelemente von Ikea ein.  Gekonnt ist Stephanie auch mit dem Dahinter und dem Davor umgegangen. So steht hinter dem Sofa ein bankartiger Tisch, der das im Raum stehende Sitzmöbel abgrenzt und zugleich Ablage bietet. Vor dem Bücherregal an der Wand steht ein weiterer Couchtisch, der dem Gestell Wohnlichkeit bietet.

Die Sitzecke bietet die Aussicht auf den kleinen, hübschen Gartenplatz und den Hinterhof, der viel grosszügiger wirkt als die Zürcher Innenhöfe. Das Gras scheint eben immer grüner an anderen Orten – und Grün dominiert in der sympathischen Wohnung. Das nicht zuletzt durch die vielen Pflanzen und Blumen, die stilvoll in der Wohnung platziert sind. «Meine Mutter ist Floristin», reagiert Stephanie auf unser Lob für die eleganten, schlichten Blumensträusse, die in formschönen Glasvasen die Wohnung noch freundlicher machen.

Überall entdecken wir schöne und liebevoll arrangierte Stillleben, in denen Blumen, Pflanzen und Bilder die Hauptrolle spielen. Die Gefässe, in denen die Natur in der Wohnung Platz nimmt, sind alles edle Fundstücke, zum Beispiel ein eleganter Champagnerkübel und gehämmerte Messingschälchen. Hübsch sind auch ein Porzellanvogel unter einer Glashaube, ein Seestern und alte wissenschaftliche Drucke in antiken Rahmen. Die schöne Zeichnung von einem Hund, der ein bisschen Ernie ähnelt und hier zwischen Keramikvase, Duftkerze und andern schönen Dingen hervorguckt, ist ein Fundstück aus dem Brockenhaus. «In Thun, wo wir beide herkommen, finden regelmässig Bring-und-Hol-Tage statt, da und auf Flohmärkten und in Brockenhäusern entdecken wir immer wieder tolle Dinge», erzählt uns Beat.

Ernie posiert ganz freundlich für ein Foto, das einen Blick in den hinteren Teil der Wohnung bietet. Ein wenig erhöht und zum Teil abgetrennt, ist der Schlafbereich. Als Schrank hat sich das Paar für eine Lösung mit Vorhang entschlossen, der als eine Art Trompe l’oeil ein Fenster dahinter vermuten lässt. Die Wand vor dem Schlafbereich hat ein rundes Loch, das ein wenig Licht hereinlässt. Davor ist ein altes Buffet platziert, mit einer Musikanlage und eines der geliebten Velos von Beat. Daneben steht ein grosser Arbeitstisch. Damit sind alle Wohnbedürfnisse gekonnt in einen Raum gebracht.

Das Bad befindet sich hinter Glas, daneben hat es noch einen Raum mit abgeschlossener Gästetoilette, Waschmaschine und Stauraum. Stephanie geht mit Glas genauso um wie mit festen Wänden und stellt auch mal etwas davor. Eine hübsche Styling-Idee im Bad begeistert mich: Die alte Vitrine von Stephanies Oma dient nämlich als Stauraum für Tücher und Kosmetika. Sie ist unterhalb der Badetuchstange platziert, an der anstelle von Tüchern Haken mit Schmuck hängen. Die Tücher – natürlich auch von Schönstaub – stehen dafür in der Nähe der Badewanne an einem Klappständer. Auch ist da ein kleiner Hocker, auf dem Platz für eine Kerze ist. All diese Styling-Ideen beweisen, dass auch in einem kleinen Bad vieles möglich ist.