Syrie Maugham hat Wohnen in Weiss erfunden

by Marianne Kohler Nizamuddin, 20. Januar 2019

Syrie Maugham (1879-1955) war eine Pionierin des Interiordesign und die erste, die Weiss zur Modefarbe im Heimbereich gemacht hat. Und das in den 20er Jahren! Syrie Maugham ist bekannt für ihr weisses Zimmer, ihre weissen Möbel und ihren glamourösen, luxuriösen Einrichtungsstil. Verheiratet mit William Somerset Maugham und  befreundet mit Cecil Beaton, bewegte sie sich in den chicen Londoner Kreisen. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gestaltete sie Interieurs für Berühmtheiten wie Noël Coward, den Prince of Wales und Wallis Simpson.

Syrie Maugham war die Ehefrau des Schriftstellers William Somerset Maugham. Zuvor war sie mit einem viel älteren Amerikaner unglücklich verheiratet. Nachdem sie diesen verlassen hatte, hatte sie eine Affaire mit Gordon Selfridge, dem Gründer des berühmten Warenhauses an der Oxford Street. An einer Dinnerparty traf sie Somerset Maugham und war sofort entzückt von ihm. Bald war sie schwanger mit der gemeinsamen Tochter Liza. So musste sich endlich ihr amerikanischer Ehemann von ihr scheiden lassen, was er bisher aus gesellschaftlichen Gründen verweigert hatte. Somerset Maugham heiratete Syrie 1917, zwei Jahre nach der Geburt der gemeinsamen Tochter. Doch die Ehe begann nicht gerade unter idealen Voraussetzungen. Somerset Maugham war homosexuell und kannte zur Zeit seiner Heirat bereits Gerald Haxton, die stürmische Liebe seines Lebens. Ende der Zwanzigerjahre liessen sich Somerset Maugham und Syrie scheiden und Somerset Maugham schmähte seine ehemalige Frau für den Rest des Lebens.

Syrie Maugham erhielt eine gute Abfindung, unter anderem einen Rolls Royce und ein Haus an der Kings Road. Bereits während der Ehe wollte Syrie unabhängig sein, Geld verdienen und eine interessante Beschäftigung haben. Ohne eigentliche Ausbildung oder grosse Kenntnisse begann sie mit Interiordesign. Dabei verliess sich allein auf ihr Stilgefühl und ihre Eleganz. Und davon hatte sie genügend. Einrichten begann in  den Zwanzigerjahren eine Beschäftigung zu werden, mit der Frauen der Gesellschaft sich beruflich etablieren konnten.

War Elsie de Wolfe die erste Interiordesignerin in Amerika, so gehört Syrie in England zu den Pionierinnen. Zwischen den beiden Frauen entstand eine Freundschaft und eine interessante Konkurrenz. So sagt man, dass Syrie Maugham immer, wenn Elsie de Wolfe in London war, ihre Möbel im Keller versteckte. Ob sie das tat, weil sie nicht wollte, dass Elsie alles kaufte, oder ob sie damit verhinderte, dass ihre Kollegin Kopien entdeckte, ist nicht ganz klar. Die beiden gingen auch zusammen auf Reisen. Auf eine Indienreise nahmen die beiden Frauen 52 Koffer mit und einen Koch und zwei persönliche Gepäckträger, damit das stilvolle Unterwegssein auch ja klappte.

Syries Stil war superelegant, glamourös und Vorbild für die Art-déco-Einrichtungen der Hollywoodfilme. Ihr weisses Zimmer ist Maughams berühmtestes Werk. Mit Spiegelwänden und mit riesigen weissen Sofas und langhaarigen Teppichen eingerichtet, war es das erste konsequent weiss eingerichtete Zimmer. Es diente ihr als Partyzimmer und Salon, in dem die Interiordesignerin Freunde und interessante Menschen versammelte. Ein Markenzeichen von Syries Möbelkreationen waren die Fransen an Sofa-und Sesselbezügen. Das wirkte viel moderner und eleganter als die bis dahin üblichen Rüschen. Und mal ehrlich, diesen Sofas, dem Teppich und den Lackbeistelltischchen sieht man nicht an, dass sie vor hundert Jahren entworfen wurden. Sie würden auch heute gut in moderne Wohnungen passen.

Cecil Beaton, der berühmte Mode- und Gesellschaftsfotograf, benutzte das weisse Zimmer oft als Kulisse für Modeshootings. Schon damals waren tolle Locations wichtig für Fotografen. Und Beaton kannte sie alle, die schönen Orte und die eleganten Menschen. Er war ein lebenslanger Freund von Syrie und bewunderte ihre Eleganz. 1920 eröffnete Syrie ein Geschäft, in dem sie Wohnaccessoires und renovierte Möbel anbot. Dafür suchte sie bei Antiquitätenhändlern nach Stücken, die sie ummodeln konnte. Sie sägte Füsse ab, strich die Möbel an und gab ihnen einen neuen Finish – zum Beispiel Oberflächen, die aussahen wie gesprungene Eierschalen.

Syrie liebte Theaterkulissen. Sie kreierte immer wieder welche für ihren Freund Noël Coward und benutzte theatralische Elemente für ihre Einrichtungen. Da waren neben den vielen Spiegeln üppig drappierte Vorhänge, Säulen, viele Konsolen, flauschige Teppiche und Surreales wie Palmenlampen. Sie liebte das Künstliche und schwärmte, dass Blumen, wenn man ihnen das Blätterwerk wegschneidet, fast aussehen wie Wachsblumen.

Leider hat von Syrie Maughams Einrichtungen keine überlebt. Es gibt aber noch Bilder davon und einige ihrer Möbel werden immer noch hergestellt.  Der Einfluss von Syries Stil ist bei vielen anderen nachfolgenden Interiordesignern spürbar. Ein Markenzeichen von Syrie Maugham sind die Spiegelwände. Aus ihrem eigenen Bad hat sie auf diese Weise einen eleganten und komfortablen Salon gestaltet.

Grosse Spiegelwände, Säulenelemente, helle Farben, weiche Teppiche, eine elegante Stehleuchte, ein Cheminée und ein hübsches Boudoirtischchen mit Fotos in Silberrahmen: Das sind die Zutaten, mit denen Syrie Maugham ihr Badezimmer bühnenreif ausstaffierte.

Syrie Maugham, hier von Cecil Beaton portraitiert, war eine elegante, moderne Frau. Sie trug immer die neuste Mode und tolle Designerstücke der Zeit, allen voran Kreationen von Molyneux. In der Beschreibung ihrer ersten Begegnung erwähnte William Somerset Maugham grosse Smaragdringe an Syries Fingern.

Syrie Maugham blieb der Farbe Weiss nicht treu. Ihre Einrichtungen leben auch von starken Farben. So bezog sie Sofas mit mandarinorangem Samt, kombinierte viel Grün mit Weiss, da war auch Lavendel oder gar Schiaparelli-Shocking-Pink. Sie liebte Elemente und Möbel aus dem 19. Jahrhundert und interpretierte diese neu. Auch arbeitete sie eng mit Designern und Künstlern zusammen. Zum Beispiel mit der Floristin Constance Spry, der Textildesignerin Marion Dorn oder dem Künstler Diego Giacometti. Auf diesem Bild ist das Entrée ihres Londoner Hauses zu sehen.

Syrie Maugham liess in ihrer Werkstatt auch Möbel herstellen. Dafür liess sie sich von französischen Möbeln im Landhausstil  inspirieren. Ihre Möbel strich sie in hübschen Farben an und verkaufte sie als Konsolen, Telefontischchen, Blumenständer oder Nachttischchen – Das klingt doch irgendwie bekannt, genau das ist nämlich momentan wieder im Trend. Syrie verwendete auch eine Technik, die man «pickling» nennt: das Ablaugen von Holzmöbeln, damit diese einen leicht verrauchten Effekt bekommen. Und wer denkt, Orientteppiche im künstlichen Vintagelook seien eine neue Entdeckung sind, der täuscht sich gewaltig. Syrie liess nämlich schon in den Zwanzigerjahren rote Orientteppiche bleichen, so dass sie einen hellen, gelblichen Ton bekamen und gebraucht und verelebt aussahen. Hier ist ein antikes Stück aus Syries Shop zu sehen, ein elegantes, mit Spiegeln verarbeitetes Regalmöbel. Bild über: Design Sponge.

Die Möbel von Syrie Maugham sind heute gesuchte Antiquitäten. Einige werden immer noch hergestellt, wie zum Beispiel diese Polstermöbel bei Michael Taylor. Michael Taylor (1927-1986) war ein berühmter Interiordesigner in Kalifornien und liess sich von Syrie Maughams Stil inspirieren.

Syrie Maugham gründete auch Geschäfte in Amerika, in New York und Chicago und blieb ihr ganzes Leben lang dem Einrichten treu. Ihr Stil war aber nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr zeitgemäss. Die Welt hatte sich verändert und der luxuriöse Lebensstil, mit aufwändigen Einrichtung, deren Pflege viele Bedienstete brauchte, gehörte der Vergangenheit an. Auch hatte ihr Geschäft die grosse Depression zu spüren bekommen, so zog sie 1943 bis 1953 in so zog sie 1943 bis 1953 in die damals noch nicht so trendy Upper Westside in Manhattan und brauchte Ihre Wohnung auch als Showroom.  Syrie Maugham verstarb 1955 in London an Tuberkulose.

Wer mehr über Syrie Maugham, ihren glamourösen Stil und ihr interessantes Leben erfahren möchte, kauft sich das wunderschöne Buch von Pauline Metcalf: «Syrie Maugham, Staging The Glamorous Interiors», erschienen im Acanthus Press Verlag.

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Marianne Kohler Nizamuddin


Marianne Kohler Nizamuddin ist Stylistin und Journalistin. Sie begann ihre Karriere als Textildesignerin und arbeitete in Paris und New York, bevor sie einige Jahre das Moderessort der Zeitschrift «Annabelle» leitete. Heute arbeitet sie in den Bereichen Styling, Creative Direction und Consulting. Zudem ist sie die Autorin von Sweet Home, dem meist gelesenen Interior-Blog der Schweiz, der fünfmal in der Woche auf Tagesanzeiger/Newsnet erscheint. Marianne Kohler Nizamuddin lebt mit ihrem englischen Mann David und ihrem Hündchen Miss C. in Zürich.